Es gibt Momente in der deutschen Industriegeschichte, da wirkt eine Pressemitteilung wie das Echo eines einstürzenden Altbaus. Wenn der Aufsichtsrat von Volkswagen, jenem sakrosankten Gebilde aus Landespolitik, Gewerkschaftsführern und Erben-Dynastien, einem Sparplan zustimmt, der 50.000 Stellen und vier ganze Werke auf die Streichliste setzt, dann ist das mehr als eine betriebswirtschaftliche Korrektur.
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Wolfsburger Winter: Wenn die Realität den Dienstwagen abschleppt
Bei VW fallen die Masken: 50.000 Stellen und vier Werke stehen vor dem Aus. Der Aufsichtsrat kapituliert vor der Realität – ein Lehrstück über den Preis der Selbstgefälligkeit.
Es ist die Kapitulationserklärung eines Modells, das sich über Jahrzehnte für unbesiegbar hielt. Man könnte fast meinen, die Beteiligten hätten plötzlich entdeckt, dass man Autos nicht nur bauen, sondern am Ende des Tages auch gewinnbringend verkaufen muss.
Das Wort „Strukturmaßnahme“ ist in diesem Kontext eine Vokabel, die das Unausweichliche umschreibt: Volkswagen hat sich im Wolkenkuckucksheim der Planwirtschaft gemütlich eingerichtet, während die Konkurrenz überholt hat. Nun steht man vor dem Scherbenhaufen einer Strategie, die auf staatlichem Dirigismus und idealistischen Vorstellungen basierte. Dass ausgerechnet Arbeitnehmervertreter und das Land Niedersachsen diesen Kahlschlag abnicken, zeigt die Verzweiflung. Lange Zeit galt bei Volkswagen das Gesetz, dass betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen sind.
Man leistete sich einen Wasserkopf, der eher an eine byzantinische Behörde als an einen globalen Automobilbauer erinnerte. Die „soziale Verantwortung“ wurde als Schutzschild missbraucht, um Reformen zu verhindern. Man hat das Unternehmen nicht wie einen Marktteilnehmer geführt, sondern wie ein politisches Projekt, bei dem Effizienz stets der Harmonie am Konferenztisch untergeordnet wurde. Jetzt rächt sich diese Selbstgefälligkeit. Wenn vier Werke „auf der Kippe“ stehen, ist das das Eingeständnis, dass der Standort Deutschland unter den aktuellen Bedingungen für die Massenproduktion zu teuer und unbeweglich ist. Das Grundproblem lässt sich nicht mit Steuergeld zuschütten: Volkswagen hat den Anschluss an die Realität verloren.
Realität statt politischer Ideale
Die politischen Vorgaben zur Transformation wurden mit vorauseilendem Gehorsam in Produkte gegossen, die am Markt oft nur mit massiver Unterstützung bestehen konnten. Nun, da der Wind kälter weht und die Nachfrage stockt, bricht das Kartenhaus zusammen. Es ist die schmerzhafte Erkenntnis, dass Moralität kein Geschäftsmodell ist und Haltung keine Dividende zahlt, wenn die Käufer im Ausland lieber zu effizienteren Alternativen greifen. Wer die Bedingungen für 50.000 bedrohte Jobs geschaffen hat, waren nicht die „bösen Märkte“, sondern eine Managementkultur, die sich zu lange im Windschatten politischer Protektion versteckt hat. Die Zustimmung des Aufsichtsrats ist der späte Sieg der Vernunft über die Nostalgie. Es ist ein brutaler Schnitt, aber die einzige Alternative zum schleichenden Siechtum.
Er ist das Eingeständnis, dass die Party vorbei ist und nun das große Aufräumen beginnt. Dass dabei so viele Menschen ihre Sicherheit verlieren, ist der Preis für eine jahrelange Verweigerung gegenüber den Zeichen der Zeit. Man kann nur hoffen, dass diese Lektion verstanden wurde – nicht nur in Wolfsburg, sondern in allen Etagen der deutschen Wirtschaft und Politik. Wer die Zukunft gestalten will, darf nicht in der Vergangenheit verharren und hoffen, dass der Staat schon alles richten wird, wenn es brenzlig wird. Die Welt wartet nicht auf deutsche Befindlichkeiten. Dies ist eine Lehrstunde in Sachen ökonomischer Erdung. Wenn selbst die Unantastbaren stürzen, sollten die anderen schleunigst ihre Statik prüfen. Der VW-Aufsichtsrat hat getan, was er viel früher hätte tun müssen: Er hat der Wirklichkeit die Tür geöffnet. Den vollständigen Hintergrund, Szenarien und die Methoden-Box lesen Kompass+-Mitglieder weiter.
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